Am I Sher-locked?

Ich stamme aus einer Familie, die unter mehreren Infektionen leidet, welche auf mich übersprangen. Von meinen Eltern bekam ich das Science Fiction Fieber, von meiner Großmutter die Krimi-Infektion mit speziellen Auswüchsen. Während sich das Science Fiction Fieber wuchernd in alle Bereiche des Genres ausdehnte, betraf die Krimi-Infektion zunächst vor allem Detektivgeschichten und hat sich erst später weiter ausgedehnt.

Durch diese zweite Infektion ist es naheliegend, dass ich bereits früh eine Vorliebe für die Hörspiele und Filme rund um Sherlock Holmes und seinen Freund Dr. Watson entwickelte, hatte doch meine Oma die ganze Bücherbox zu Hause (naja, sie hatte auch alles von Edgar Wallace und der göttlichen Agatha Christie), auf deren Rücken die zusammengesetzten Bücher das Portrait des Meisterdetektivs zeigten. Ich erinnere mich noch daran, wie ich als 13-jähriges Geschöpf erstmalig nach London reiste und die Bakerstreet besuchte. Die U-Bahnstation war geschmückt mit zahlreichen Motiven rund um Holmes. Das beeindruckte mich zutiefst und lies meine Bewunderung für den brillanten Geist des Detektivs nur weiter wachsen.

Naheliegend war es auch, dass ich mit diesen Infektionen eine ebenfalls infizierte zweite Hälfte anzog und so wuchs die Film- und CD Sammlung bei gemeinsamen Sammeln an, wobei bei den Filmen sich leider auch die ein oder andere Irritation mit in unser DVD Regal verirrte.

Bis… ja, bis dann im Sommer 2011 die neue BBC-Serie Sherlock ins TV kam. Eine Serie, die die Ereignisse rund um den Meisterdetektiv in die heutige Zeit transformierte. Ein Muss für uns! Und so verfolgten wir die erste Staffel der Serie komplett. Sie hinterließ bei mir gemischte Gefühle. Ja, ich erinnere mich an einen Anruf meiner Mutter, die mir empört am Telefon mitteilte: „DAS ist nicht Sherlock Holmes!“ Und ich glaube meine Oma hätte sich eventuell auch im Grabe umgedreht.

Irgendwie war mir die Serie mehr als suspekt. Da saß ich nun, hatte mir die Fälle alle angeschaut und war ratlos. Ich hatte keine Ahnung, was ich davon halten sollte. Um mich herum hingegen brach das Sherlock-Fieber aus, wobei es sowohl Opfer mit bereits vorliegender Krimi-Infektion als auch gesunde Geister betraf. Warum bekam ich kein Fieber?

Was war denn das auch für eine seltsame Darstellung des Meisterdetektivs in ‚Sherlock‘? Holmes war schon immer ein schwieriger Charakter, mit einer Menge obskurer Eigenschaften. Ein kettenrauchender Chaot, der schon mal mit seinem Geigenspiel nerven konnte. Aber zugleich ein Mann, der es schaffte den gequälten Dr. Watson, wenn er einen Anfall im Angesichts des Chaos bekam und auf das Aufräumen der Wohnung bestand, charmant mit einer Erzählung eines alten Falles einzuwickeln. Und somit war auch der lesende oder hörende Teilnehmer ganz hingerissen von den Ereignissen. Aufgeräumt freilich hat Holmes selten. Und der allmorgendliche Konflikt der beiden Herren um die nur einmal vorhandene Times, auch der ist altvertraut.

Aber der in der Serie ‚Sherlock‘ dargestellte Soziopath Sherlock Holmes, dessen IQ möglicherweise genial hoch, dessen EQ hingegen aber gegen nicht vorhanden strebt, gefiel mir gar nicht. Hier wird ein arroganter, von sich eingenommener, gefühlskalter, zynischer Charakter gezeigt, von dem man sich fragt wie Watson überhaupt auch nur auf den Gedanken kommen konnte mit ihm in eine WG zu ziehen. Schon die erste Begegnung war obskur und mysteriös und irgendwie… unsympathisch. Und eigentlich übertrifft in Antipathie nur Holmes arroganter Bruder Mycroft den Detektiv. Dessen Darstellung verwirrte mich vollends. Armer Watson, aber er hatte diesen Schritt in die Bakerstreet ja bei freiem Geist und freier Entscheidungsfreiheit gemacht. Entschuldigend wirkt hier gegebenenfalls sein posttraumatisches Streßsyndrom. Das kann schon mal zu etwas wirren Entscheidungen führen. Ja, und dann nervte mich an dieser Serie auch noch diese permanenten homosexuellen Anspielungen/Distanzierungen/Erläuterungen. Es war dann auch irgendwann selbst für meinereiner ermüdend.

Die zweite Staffel von Sherlock schaute ich nicht… das heißt, den Reichenbachfall konnte ich mir nicht verkneifen, ich sah ihn etwa zu 2/3, da ich den Anfang verpasste. Doch damit schien das Kapitel beendet zu sein… schien.

Eines Tages kam meine Freundin strahlend zur Tür hinein: „Ich habe Dir was mitgebracht!“ sagte sie und ich erwartete neue Hörspiele, die sie stets in der Tasche hatte, um gute Unterhaltung ins Haus zu bringen. Doch sie zückte eine DVD-Packung. „Die schenke ich Dir.“ Und da lag sie vor mir, die erste Staffel von Sherlock. Ein Geschenk von meiner Freundin. Sie wollte mir eine Freude machen. Ich schaute auf die Packung. Gemischte Gefühle. Immerhin hatte ich die erste Staffel gesehen. Alle Teile. Ich hatte nicht aus geschaltet, was ich durchaus des öfteren tue, wenn mir ein Film nicht gefällt. Warum hatte ich eigentlich nicht aus geschaltet? Hatte ich mich vielleicht doch gut unterhalten gefühlt? Naja, man konnte sich die Serie ja noch mal in Ruhe anschauen… Vielleicht auch einfach mal den Hinterkopf ausschalten beim schauen?

So kam es also, dass ich es mir vor meinem Fernseher bequem machte, die erste DVD rein warf und… I’ve been sherlocked. Von der ersten Minute an riss mich die Serie in ihren Bann und ich war absolut begeistert. Ich inhalierte die drei Filme regelrecht und verstand überhaupt nicht mehr, weshalb ich vorher so skeptisch gewesen war. Nein, statt dessen ließ ich mir umgehend auch die zweite Staffel als Geschenk ins Haus liefern und gab mich ihr genauso begeistert hin. Ja, ich mußte über das, was mir vorher so aufgestoßen war, sogar mehr als einmal lachen. Denn die Serie präsentierte mir das Sherlock Holmes Prinzip am eigenen Leib, wobei ich diesmal in der Rolle des Dr. Watson war: Ich hatte mir die Filme angeschaut. Und hatte alle Fakten. Doch obgleich alles vor mir lag, war ich nicht in Stande den Fall zu lösen. Betriebsblindheit auf Grund eines hohen Konsums von Sherlock Holmes hatte mich zwar dazu gebracht die Serie zu verfolgen, aber sie nicht in mein Innerstes dringen lassen. Statt dessen war ich dem Produkt mit Vorurteilen und festen Vorstellungen begegnet. Erst beim zweiten Schauen konnte ich meine eigenen Erwartungen an eine Holmes Verfilmung hinten anstellen und mich voll und ganz auf die Serie einlassen. Und dies sollte ich nicht bereuen! Eine geniale Verfilmung, in der ich bei jedem Sehen noch etwas Neues/Altes entdecke. Ich freue mich schon auf die dritte Staffel!

I am Sher-locked

Und was ist mit Dir? Wie ist es Dir mit dieser Serie gegangen?

Sherlock

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Über Curtis Nike

Verhinderer apokalyptische Zustände.

Veröffentlicht am 2. Januar 2013 in Neuigkeiten und mit , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 4 Kommentare.

  1. Na, da kann ich Dir die britische Serie „Sherlock Holmes“ mit dem genialen Jeremy Brett nur wärmstens ans Herz legen – authentischer geht’s nimmer, da fühlst Du Dich in die originalen Romane und die Epoche zurückversetzt. Gibt es zum Glück auch als DVD-Box! Diese Serie wirst Du lieben, da bin ich mir ganz sicher…

    Im übrigen erinnere ich mich an ein gemeinsames Abenteuer unserer Kindheit im Kino: „Young Sherlock Holmes“, von dem wir sogar den Soundtrack auf LP hatten! (deutsch: „Das Geheimnis des verborgenen Tempels“ :P)

    Von den neuen Sherlocks habe ich einige Folgen gesehen, bin weder enthusiasmiert noch abgeschreckt, eine ganz nette Neu-Interpretation mit einigen stylischen Effekten, die einem Videospiel-Freund wie mir gefallen (wie die eingeblendeten Worte im Bild, wenn Holmes jemanden analysiert). Ein endgültiges Urteil habe ich mir noch nicht gebildet, dafür habe ich zu wenig von der Serie gesehen.

    • Jaja, ‚Young Sherlock Holmes‘, daran erinnere ich mich bestens, zumal ich ja damals das unglaubliche Glück hatte auch einen Drehtag vor Ort erleben zu dürfen 🙂 Und die Filmmusik ist immer noch genial.
      Die Serie mit Jeremy Brett habe ich schon auf dem Peilsender, aber noch nicht zugelegt. Ich schwöre ja immer noch auf die alten Klassiker mit Basil Rathbone und Nigel Bruce. Herrlich!

  2. Ich bin nicht so recht einverstanden damit, was man aus A.C. Doyles Figuren gemacht hat.
    Sich berühmter Vorlagen zu bedienen, hat für mich den faden Beigeschmack des Plagiats.
    Von Filmemachern verlange ich eine gewisse Eigenständigkeit.
    Sicher, hier wurden alle Aspekte auf die Gegenwart getrimmt. Es sind durchaus pfiffige Ideen dabei. Die Filme sind nicht wirklich schlecht.
    Aber, Hand aufs Herz, das sind definitiv nicht(!) Holmes und Watson.
    Ohnehin bin ich ein vehementer Gegner der auch im Theaterwesen schon lange grassierenden Unart, die mangelhafte eigene Phantasie über die Verwurstung bestehender Stoffe zu kaschieren.
    Holmes und Watson benötigen ebensowenig eine Transformation durch die zeitgenössische Massenverblödungsindustrie wie ein Hamlet oder ein Nathan.
    Zwar hatte ich anfangs auch meine Probleme mit der Kinoverfilmung mit Downey und Law in den Rollen von Holmes und Watson. Dort stimmte aber immerhin das Ambiente.
    Die Besetzung mit Downey als Holmes empfand ich trotzdem als grotesk.

    Warum wohl greifen die Filmemacher gerne auf Holmes und Watson zurück?
    Doch ausschließlich wegen ihrer berühmten Namen, welche hohe Einspielergebnisse bzw. Einschaltquoten versprechen.
    Die Liebe zu den Figuren und den Geschichten ist ja wohl ganz offensichtlich nicht.
    Es wäre ehrlicher gewesen, eigene Figuren zu erfinden.

  1. Pingback: Sher-locked – schon wieder! |

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