Liebesleiden

Fandom: Harry Potter
Genre: Humor
Zusammenfassung: Albus Dumbledore macht sich ernstzunehmende Sorgen um das nicht vorhandene Liebesleben seines griesgrämigen Tränkemeisters. So empfiehlt er Severus Snape – nach unzähligen Versuchen ihn unter die Haube zu bringen – doch mal ein professionelles Beratungsgespräch. Doch dies läuft nicht ganz so, wie erhofft…
Disclaimer: Diese Kurzgeschichte basiert auf den Romanen von J.K. Rowling. Diese Geschichte stellt keine Urheberrechtsverletzung dar und entstand aus reinem Spaß an der Freude zu schreiben. Ich verfolge damit keinerlei kommerzielle Interessen.

Liebesleiden

Albus war ja schon immer ein wenig merkwürdig gewesen, das wussten wir nun alle. Allein sein Hang zu diesen schrecklichen Zitronendrops, mit denen er großherzig nicht nur die Lehrerschaft, sondern auch die Schülerschaft beglückte, war in meinen Augen zumindest recht wunderlich. Aber meine Sicht der Dinge ist ja generell nicht gefragt. Denn hätte Albus mich nur einmal danach gefragt, was ICH eigentlich will, dann wäre mir in meinem Leben sicherlich schon viel erspart geblieben. Man kannte das ja, der Schulleiter kam auf einen zu mit diesem eindeutig bedrohlichen Zwinkern, von dem man gleich wusste: Achtung, volle Deckung! Jetzt geschieht ein Unglück! Und dann lächelte er auch noch so unschuldig, sah einen an mit diesem Blick, der kein Wässerchen trüben konnte, und sagte mit dieser beunruhigend sanften Stimme deren Klang bei mir unvermittelt ein starker Fluchtinstinkt ausgelöst hätte, wenn er eben nicht der Schulleiter wäre – sagte also: „Severus, ich habe mir Gedanken über dich gemacht.“

Er hatte sich Gedanken gemacht. Über mich. Schon wieder! Das war nicht gut, das war nie gut! Nein, ich will ehrlich sein: Das bedeutete Unheil! Oh ja, großes Unheil! Ich erinnere mich noch genau, als ich das letzte mal diese Worte gehört hatte…“Severus, ich habe mir Gedanken über dich gemacht“, wäre es doch nur dabei geblieben, aber nein, es hatte geheißen: „Ich habe mir Gedanken gemacht und finde, daß du wirklich langsam aus deiner Isolation heraus treten solltest.“
Isolation? Was denn für eine Isolation? Ich bin nicht isoliert! Im Gegenteil, Hunderte von Schülern trampeln mir Tag täglich auf den Nerven rum, rauben mir meine kostbare Zeit – und meinen Verstand! Ich sehne mich nach Isolation, sehne mich nach Einsamkeit. Allein sein heißt glücklich sein. Lasst mich alle in Ruhe und Severus Snape ist ein freudestrahlender, zufriedener Mann. Schade nur, daß es dann natürlich keiner sehen kann…
Albus…oh Albus! Das letzte Mal, als du dir Gedanken über mich gemacht hast, hattest du diese absurde Schnapsidee mit der Kontaktanzeige im Tagespropheten. Es war ein Desaster gewesen, ich werde es nie vergessen! ‚Introvertierter Tränkemeister, 38, 185 cm, sehr schlank, sucht jemanden, der sein kaltes Herz erwärmt. Achtung! Extrem harter Fall, bitte bring Geduld und Humor mit, damit du mich erträgst. Chiffre 666/999′ Sehr witzig, Albus, wirklich sehr witzig! Was habe ich gelacht – Ha.

Und dann diese Frauen, diese unmöglichen Frauen. Nachdem ich dieser Morgaine – du hattest mich dazu gezwungen, Albus – ein Foto von mir geschickt hatte, kam postwendend eine Eule. Sie wollte mich zum Abendessen treffen. Schön. Aber sie stellte eine Bedingung. Bevor ich komme, sollte ich dieses Zeug benutzen, welches ihre Eule mir mitgebracht hatte. Dieses ‚Shampoo‘. Muss ich erwähnen, daß es eine Katastrophe war? Als ich zum Treffen im ‚Tropfenden Kessel‘ erschien, saß sie bereits da und starrte mich an, schockiert, entsetzt, erschüttert. Albus hatte mir noch eine Rose in die Hand gedrückt. Er meinte, man mache das so. Doch sie starrte nur und sagte dann: „Also, Severus, du musst das Shampoo auch wieder auswaschen, nachdem du es benutzt hast!“ Waschen? Meine Haare? Ich wasche doch meine Haare nicht, um Himmels Willen! Da lasse ich niemals Wasser dran!

Hatte ich schon erwähnt, daß das Date absolut daneben ging? Ich spare mir die peinlichen Details.

Ein weiterer netter Brief kam von einer Hexe Schrumpeldei. Diesmal machte ich nicht den Fehler, ein Foto von mir zu schicken. Nein, ich Volltrottel lies mich auf ein Blind Date ein. Und warum? Weil Albus meinte, ich solle dem Ganzen noch mal eine Chance geben! Eine Chance…Ich sage nur…nie wieder! Nie wieder ein Blind Date. Da komme ich zu unserem Date – im ‚Eberkopf‘, das hätte mich eigentlich schon aufschrecken lassen müssen – in meinem weißen (sic!) Hemd und der schicken, schwarzen Hose, die Albus mir raus gelegt hatte, und was sehe ich? Da sitzt da eine totale Schabracke, mindestens fünfmal so breit wie ich, eine unglaubliche Lache und eine Warze mitten auf der Nase. Okay, es kann nicht jeder schön geboren sein, aber die war ein Alptraum, ein personifizierter Alptraum! Und nachdem ich – mit viel Mühe und Not – die Flucht durch den Hinterausgang ergreifen konnte – war für mich klar: Keine weiteren Dates!

Aber man kennt ja Albus, er hat dieses Talent, diese magische Fähigkeit…er weiß einen einzulullen, so daß man am Ende des Gespräches vergessen hat, was man eigentlich ursprünglich wollte. Na ja, und dann bat er mich, noch einer Dame eine Chance zu geben… und diese eine war Lorelei. Er legte mir ein Foto vor die Nase und, okay, ich gebe es zu, ich bekam tatsächlich weiche Knie. Lorelei aus Deutschland, himmelblaue Augen, blondes, langes Haar, sinnliche, rosige Lippen…mir wurde ganz schwindelig, als ich das Bild sah. Die musste ich sehen, die musste ich unbedingt treffen! Und diesmal machte ich gleich Nägel mit Köpfen – dieses Muggelsprichwort habe ich von Minerva – schickte ihr eine Eule, ‚treffen uns Morgen, 15.00 Uhr bei Madam Puddifoot’s in Hogsmeade, Severus‘. Muss ich erwähnen, daß der Treffpunkt auch wieder Albus Idee war…?

Das Treffen mit Lorelei…es war ein Traum. Eine wundervolle Frau. Unglaublich schön. Obgleich, ich hätte ja Verdacht schöpfen müssen, sie splitterfasernackt, nur bekleidet mir ihrem bodenlangen, goldenen Haar, zum Date erschien. Okay, sie konnte kein besonders gutes Englisch, sondern sprach ausschließlich Altdeutsch und Latein in Versform. Aber das ist ja für einen Severus Snape kein Problem. Kurzum, wir hatten einen wundervollen Nachmittag und sie war auch gleich willig, mit mir nach Hause zu gehen. Ich glaub, die mochte mich auch. Ach, was war ich stolz, diese tolle Frau an der Angel und alle starrten uns neidisch nach. Mir hätte eigentlich auffallen müssen, daß da was nicht stimmen konnte. Ich fühlte mich aber an diesem Tag so selig, so beschwingt. Eigentlich fühle ich mich nie selig und beschwingt (okay, damals in Amsterdam, in diesem Kaffeeladen, in dem es leider keinen Kaffee gab, da hatte ich ein ähnlich angenehmes Empfinden), das hätte mir auffallen müssen. Aber irgendwie merkte ich es an diesem Tag nicht so ganz. Und so nahm ich die schöne Lorelei mit zu mir nach Hause. Ich brachte sie in mein Schlafzimmer – ich meine, wir hatten ja schon lang genug gesessen und Kaffee in uns rein gekippt. Und die Rechnung hatte ich auch gezahlt! Da konnten wir ja jetzt mal langsam zur Sache kommen, oder etwa nicht?

Also, ich brachte sie in mein Schlafzimmer und dann geschah etwas recht merkwürdiges. Eigentlich wollte ich sie ja nur küssen…diese wundervollen, sinnlichen, glänzenden Lippen, wollte ihre wunderbaren, üppigen Brüste berühren, aber mit einem Mal saß sie auf meinem Schrank! Oben drauf auf meinem Kleiderschrank, kämmte sich das güldene Haar und sang dabei ein Liedchen…zugegeben ein schönes Liedchen. Na ja, was danach geschah, weiß ich nicht mehr. Albus meinte, sie hätten mich selig vor meinem Kleiderschrank kniend gefunden und drei Tage gebraucht, um Lorelei wieder zurück nach Deutschland zu exportieren. Eins aber weiß ich, die hat furchtbar gehaart, schlimmer als Black, die olle Töle! Aber der haart ja jetzt im Jenseits…hehehe! Ich habe auf jeden Fall noch wochenlang güldene Haare vom Teppich klauben müssen. Und mit dem Dates war von da an Schluss, das kann ich euch sagen!

Und als Albus heute wieder kam mit seinem Spruch, „Severus, ich habe mir Gedanken über dich gemacht“, da wusste ich gleich, daß das nichts Gutes bedeuten konnte…
Der alte Herr bittet mich also in sein Büro, sieht mich über seine Halbmondbrille hinweg an mit diesem „Severus-wir-müssen-reden“-Blick und ich weiß gleich, daß sich über mir ein neues Unglück zusammen braut.
„Das geht so nicht weiter mit dir, Severus“, er seufzt schwer, „nimm dir ein Zitronendrop.“
„Nein danke“, ich sitze da, gerade, gefasst, tapfer.
„Severus. Ich mache mir wirklich Sorgen“, er legt die Hände aneinander und betrachtet mich noch intensiver.
„Weshalb? Mir geht es gut“, antworte ich steif.
„Du bist isoliert. Du bist ein Mann in den besten Jahren und immer noch allein“, oh nein, da war sie wieder, diese ganz gefährliche Leier, „Du bist einsam.“
„Ich bin nicht einsam. Ich bin sehr glücklich in meinem Labor. Mir geht es ausgezeichnet“, jetzt bloß nicht hysterisch klingen, Severus, bloß nicht hysterisch klingen!
„Aber Severus, ich weiß doch, wie sehr du dich nach Nähe sehnst, nach jemandem, der für dich da ist, der dir seine Zeit schenkt.“ Verständnisvoll lächelt der alte Mann. Ob er wohl erste Symptome einer Altersdemenz hat? Der scheint mich definitiv mit jemandem zu verwechseln! Ich habe keine Lust mehr auf Dates, Frauen und Leute, die meine Zimmer durcheinander bringen! Ich will meine Ruhe, meine Isolation. Laßt mich alle in Ruhe.
„Und ich weiß auch, wie du so jemanden finden kannst.“ Albus lächelt schon wieder. Dieses unwiderstehliche Albus-Lächeln. Dieses gefährliche Albus-Lächeln. Ich spüre, daß ich unwillkürlich schlucken muss, „neulich im Muggel-Fernsehen habe ich etwas sehr interessantes gesehen. Eine sehr faszinierende und humorvolle Sendung. Die Sendung hieß Aschtro-TV und dort konnten Menschen mit deinen Problemen anrufen.“
„Ich habe keine Probleme“, schön demonstrativ die Arme vor der Brust verschränken, nein, Albus, mir geht es hervorragend! Mit mir ist alles in Ordnung! Kümmere dich lieber mal um Filius Flitwick, der dirigiert den Schulchor – wenn das mal nicht eine handfeste psychische Störung ist, dann weiß ich auch nicht!
„Aber Severus, wir sind hier doch unter uns“, er nickt mir mitfühlend zu, „möchtest du nicht vielleicht doch ein Zitronendrop?“ Er hält mir die Schale vor die Nase. Nein, Albus, ich möchte immer noch kein Zitronendrop!
„Nein danke“, knurre ich.
„Dann eben nicht“, er stellt die Schale wieder ab, „bei Aschtro-TV kannst du anrufen und dich beraten lassen. Dort arbeiten Wahrsagerinnen – aber nicht solche erfindungsreichen wie Sybill, die es in ihrem Leben erst auf zwei Prophezeiungen gebracht hat. Nein“, verschwörerisch hebt er den Finger, „dort arbeiten Wahrsagerinnen, die eine Trefferquote von 100% – und mehr – haben. Diese Leute verstehen ihr Handwerk. Dort wird aus dem Rauch gelesen, es werden Karten gelegt und die Erzengel werden zu deinem Schicksal befragt.“
„Die Erzengel?“, unterbreche ich ihn und sehe ihn finster an. Er verarscht mich, es muss so sein. Er kann doch nicht allen ernstes von mir verlangen, die Erzengel anzurufen, oder doch?
„Korrekt. Und die Damen Wahrsagerinnen befragen dann das Schicksal für dich und sagen dir, ob es dein Lebensweg ist allein zu sein oder ob dort draußen noch jemand auf dich wartet“, konspirativ senkt er die Stimme, „sie werden dir sagen, wo du dein Liebesglück findest.“
„Toll“, murmele ich und meine eigentlich: ‚Vollkommen bekloppt‘.
„Ich wusste, daß dir das gefällt!“ Mit einer heftigen Bewegung zückt Albus einen kleinen, handtellergroßen Gegenstand.“ Hier, mein lieber Severus, dies ist ein modifiziertes Mobiltelefon. Es funktioniert auch hier in Hogwarts. Ich habe die Nummer von Aschtro-TV schon eingespeichert. Du solltest jetzt sofort dort anrufen!“
„Ähm“, sage ich dümmlich. Und was tue ich? Strecke die Hand aus und nehme dieses doofe Mobiltelefon, „Okay.“
„Frag nach deinem Liebesleben“, rät Albus mir noch. Und ich frage mich, wieso ich diesen Mist immer wieder mitmache. Ich bin einfach viel zu gutmütig, das muss es sein.

So stapfe ich also mit diesem Muggelinstrument, diesem ‚Mobiltelefon‘, wieder runter in den Kerker. Aschtro-TV…so was kann wirklich nur Albus einfallen, so ein Heckmeck! Seufzend lasse ich mich in meinen Sessel fallen, schaue sehnsüchtig zu meinem Labor, zu den herrlichen Tränken, die darauf warten, gemischt und gebraut zu werden. Ich sollte dieses Mobiltelefon einfach weglegen und mich um meine Arbeit kümmern. Sollte die wenige Zeit, die ich nur für mich habe, genießen. Aber spätestens Morgen beim Frühstück weiß ich, was geschehen wird…Albus wird mich fragen, ob ich angerufen habe und was die Erzengel so sagen. Hm, ich könnte mir natürlich etwas ausdenken, ich könnte ja behaupten, im Rauch habe gestanden, ich müsse allein in meinem Labor arbeiten und der Erzengel Gabriel sei erschienen und habe verkündet, daß es mein Los sei, in mich zu gehen und die nächsten 40 Jahre meines Lebens die innere Erkenntnis zu suchen. Eigentlich eine verlockende Idee…nur leider durchschaut der Alte einen ja immer. Der merkt das, wenn ich ihn belüge. Also werde ich wohl wieder einmal tun müssen, was der alte Herr verlangt.

Resigniert hexe ich mir den Elfenwein herbei und begutachte das seltsame Mobiltelefon. Seufzend drücke ich auf das Adressbuch und wähle die Nummer, die Albus mir eingespeichert hat. Jaja, da mag der erstaunte Leser aufhorchen, aber tatsächlich weiß Severus Snape, wie man ein schnödes Telefon bedient!
Das Freizeichen ertönt und dann eine weibliche Stimme: „Leider sind zur Zeit all unsere Leitungen belegt, bitte versuchen Sie es später noch einmal“, und dann ein Besetztzeichen. Schön! Ich habe angerufen, ich habe meine Pflicht getan und ich bin nicht durch gekommen. Da kann Albus nichts sagen.
Zufrieden lehne ich mich zurück, lege die Beine hoch und nippe an meinem Elfenwein. Das Leben kann so schön sein, wenn alle einen in Ruhe lassen! Nur ein einsamer Severus Snape ist ein glücklicher Severus Snape.
Unwillkürlich beginnen meine Finger, mit diesem Mobiltelefon zu spielen. Die Muggel haben echt komische Dinge entwickelt, um Magie zu umgehen. Sehr interessant. Fast schon automatisch drücke ich die Wahlwiederholung und höre wieder die Frauenstimme, die mir mitteilt, daß alle Leitungen belegt sind. Hm, dieses Aschtro-TV scheint ja sehr beliebt zu sein, wenn so viele Leute da anrufen. Aber wenn die da so gute Wahrsagerinnen haben… Wenn ich da anrufen würde und die Wahrsagerin würde mir sagen, daß es mein Schicksal ist, ewiglich allein zu sein, das wäre natürlich optimal! Dann bräuchte ich Albus gar nicht zu belügen und er würde mich endlich in Ruhe lassen mit seinen Verkupplungsversuchen. Eine recht angenehme Vorstellung…
Wieder wähle ich, wieder ist die Leitung überlastet. Hm, das ist allerdings nervig, ich habe keine Lust den Abend damit zu verbringen, permanent diesem bekloppten Band zuzuhören… Aber wozu bin ich denn ein großartiger Magier und Zauberer, Meister der Zaubertränke, Beherrscher der schwarzen und weißen Magie? Ein Schlenker mit dem Zauberstab, ein Drücken der Wahlwiederholungstaste, das Freizeichen erklingt…einmal, zweimal, dreimal, dann eine Stimme: „Sie werden gleich live auf Sendung geschaltet.“ Und ehe ich es mir noch anders überlegen kann, ertönt eine weiche, fröhliche Frauenstimme.
„Hallo, hier spricht Kartenmedium Marula, wir sind live auf Sendung“, flötet es in mein Ohr.
„Guten Abend“, gebe ich zurück.
„Hallo, mein Freund, wie ist dein Name? Wie kann ich dir helfen?“ Sie singt fast, klingt ein bisschen so, als habe sie zu viel vom Glückseligkeitstrank genommen.
„Ähm, muss ich meinen Namen nennen?“ Das gefällt mir nämlich gar nicht. Meinen Namen nennen, live auf Sendung. Wer weiß, wer das alles guckt? Hinterher sieht Lucius – der hat ja so versteckte Leidenschaften, guckt auch heimlich Quizshows im Muggelfernsehen – noch zu und dann bin ich beim nächsten Todessertreffen wieder Tratschthema des Abends. Ne, meinen echten Namen kann ich nicht nennen, das geht nicht!
„Ich muss doch wissen, wie ich dich ansprechen soll, mein Engel“, sie strahlt regelrecht in das Telefon. Oh Albus, warum nur habe ich auf dich gehört? Warum beende ich das Telefonat nicht einfach?
„Ähm, nennen Sie mich doch einfach…Tom“, beschließe ich. Tom ist gut. Das ist so ein Allerweltsname, da schöpft keiner Verdacht.
„Schön, Tommy, was kann ich für dich tun – wie kann ich dir helfen?“ Sie scheint Karten zu mischen, denn ich höre ein ratschendes Geräusch durchs Telefon.
„Also, der Albus hat gesagt, ich soll nach meinem Liebesleben fragen“, setze ich an, „aber ich will hier nix von irgendwelchen Frauen hören, ich will eigentlich…“
„Ich verstehe“, unterbricht sich mich fröhlich, „konzentriere dich doch bitte mal auf dein Herzchakra…“, einen Moment schweigt sie, „hm, da kommt jetzt irgendwie gar nichts rüber bei mir, lieber Tommy. Hm… Dann konzentriere dich mal auf dein Sakralchakra… ne, das lassen wir lieber auch ganz schnell sein.“ Sie seufzt, scheint angestrengt nachzudenken. Ich glaube, sie spinnt. Was soll denn jetzt der Mist mit den Chakren? „Denk mal an Nichts, Tom, das wird am besten sein…ja, ich merke, das geht“, ich höre, wie sie beginnt Karten auszulegen, „Oho, aha. Jaja“, murmelt sie.
„Was denn?“, frage ich und kann dabei ein aufgeregtes Empfinden nicht unterdrücken, „kann ich den Rest meines Lebens alleine bleiben?“ Ich kann es nicht verhindern, ich klinge hoffnungsfroh.
„Oh, Tom, das ist ja wunderbar. Du bist ein sehr gebildeter Mensch, ein Mensch mit Stil und Anstand, ah, ich sehe Erfolg im Beruf, man bringt dir viel Respekt entgegen“, säuselt sie. So kann man es natürlich auch ausdrücken, „Du beherrschst dein Metier, strahlst Sicherheit und Kompetenz aus.“ Will die mich anbaggern oder was? Das weiß ich alles Selbst! „Du warst lange alleine, viel zu lange! Aber in der Liebe, da liegt etwas ganz Wunderbares.“ Jetzt lächelt sie hörbar.
„Oh je“, entfährt es mir. Wunderbares will ich doch gar nicht hören. Ich will meine Ruhe, versteht das denn keiner?
„Du brauchst dich nicht zu erschrecken, es ist eine ganz besondere Energie hier, etwas Einzigartiges. Ein großer, blonder Mann deines Alters schaut liebevoll auf dich. Er ist mit dir durch die Arbeit verbunden“, verkündet sie glücklich.
„Ein Mann? Ein blonder?“, ich kann mein Entsetzen kaum unterbinden, „aber hier arbeitet kein blonder Mann“, und ich gehe gedanklich alle Lehrer in Hogwarts durch. Ne, definitiv nicht. Puh, Glück gehabt!
„Oh, er ist dir ganz nahe, er ist verbunden mit einer Arbeit, die im Untergrund, im Geheimen geschieht. Und ihr beide seid karmisch miteinander verbunden. Eine ganz tiefe, intensive Bindung“, sie seufzt, „so etwas gibt es nur sehr selten.“
„Wie romantisch“, knurre ich, das alles beginnt äußerst abstrus zu werden, „leider stehe ich nicht auf Männer.“
„Das macht nichts. Das Schicksal kennt keine so banalen Einteilungen wie Geschlechter. Diese Liebe ist so stark, sie überwindet alle Barrieren“, sagt die Dame am Ende der Leitung überzeugt. Langsam wird mir etwas schummrig im Magen. Vielleicht sollte ich einfach auflegen und mir einen kleinen Entspannungstrank bereiten. Aber sie redet unbeirrt weiter: „es ist an dir, ihm etwas entgegen zu bringen, etwas für ihn zu tun, deine speziellen Fähigkeiten für ihn einzusetzen. Er ist sehr emotional, humorvoll und freundlich, aber leider liegen bei ihm finanzielle Probleme. Das wird sich aber beheben lassen, wenn ihr erst zusammen seid.“
Ich schlucke, nein…das kann nicht sein…mir kommt ein schrecklicher Verdacht…ein grauenhafter Verdacht, ein unheilvoller Verdacht, „was noch?“, krächze ich ins Telefon.
„Es ist dein Schicksal, ihn zu heilen, dich um ihn zu kümmern. Und er wird dir dafür Heilung in dein Herz bringen“, säuselt sie.
„Heilung… wovon?“ Oh nein, warum frage ich überhaupt? Ich will es doch gar nicht wissen! Es gibt nur einen blonden, sensiblen, kranken und armen Mann im Phönixorden… oh nein, das kann nicht sein. Den will ich nicht…bitte, bitte nicht!
„Weißt du, er ist eher der lunare Typ…“, setzt sie an.
„Nein!“, schreie ich unwillkürlich, „Ich will ihn nicht! Ich will nicht, daß mein Schicksal mit diesem haarenden Werwolf verbunden ist“, eine leichte Hysterie in meiner Stimme läßt sich nicht verleugnen.
„Oh, Tommy, er ist doch wie für dich geschaffen! Ihr seid in dieses Leben gekommen, um zueinander zu finden, um euch die Hände zu reichen, um euch zu lieben“, sie klingt verklärt, leicht benebelt.
„Ich hasse ihn“, entfährt es mir.
„Bei solcherart karmischen Beziehungen ist das überhaupt nicht ungewöhnlich“, sagt sie sanft und verständnisvoll, „extreme emotionale Belastungen lösen extreme Empfindungen aus, weißt du.“
Ich schweige. Ich bin erschüttert. Warum nur habe ich mich darauf eingelassen? Warum habe ich dieses Aschtro-TV nur angerufen? Ich wollte doch nur hören, daß ich den Rest meines Lebens alleine bleiben darf! Und jetzt erzählt die mir einen von diesem penetrant freundlichen Werwolf. Albus! Das ist alles deine Schuld!
„Ihr passt so gut zueinander, ergänzt euch in euren Eigenarten und Leidenschaften. Beruflich passt ihr perfekt zusammen, ihr habt ähnliche Interessen und sexuell ergänzt ihr euch hervorragend“, prophezeit sie.
„Sexuell?“, ich krächze nur noch, „ich will überhaupt nicht…“
„Aber natürlich willst du! Du wirst schon sehen, es wird alles so kommen! Ihr werdet zueinander finden und dann werdet ihr sehr glücklich miteinander werden. Das ist euer Schicksal. Tom, du bist ein glücklicher Mann“, sie lacht, „ich danke dir für dieses phantastische, absolut positive Gespräch, es zeigt, daß wir nie im Leben die Hoffnung aufgeben dürfen, doch die wahre Liebe zu finden. Lieber Tom, liebe Zuschauer, rufen Sie mich an, sie erreichen mich immer Dienstags und Donnerstag hier bei Aschtro-TV unter 0900-0900 0900 und ansonsten stehe ich euch bei Quatschiko vierundzwanzig Stunden am Tag zum sensationellen Preis von 5,99 die Minute zur Verfügung.“
Die Leitung klickt und das Besetztzeichen ertönt. Fassungslos starre ich auf das Telefon in meiner Hand. Soeben hat eine drittklassige Wahrsagerin mir mein Leben, meine Träume, meine Hoffnungen zerstört. Ich werde den Rest meines Lebens unglücklich sein müssen. Ich werde nie wieder Ruhe finden, werde nach jedem Vollmond die Wohnung enthaaren müssen, werde mir Ohrstöpsel kaufen müssen, um das Geplapper des Werwolfes nicht zu hören, werde Schokolade essen müssen, bis mir schlecht ist…
„Severus, mach jetzt bloß keinen Quatsch“, flüstere ich mir selbst zu, als ich mir gedanklich vorstelle, wie wundervoll befreiend es sein müsste, jetzt hoch auf den Astronomieturm zu steigen und sich einfach hinunter zu stürzen. Es wäre ganz unkompliziert, nur ein winziger Schritt. Mit einem Schlag wären all meine Sorgen hinfort gewischt, mit einem Schlag hätte ich endlich meine Ruhe, wäre endlich allein…

„Eigentlich“, so denke ich versonnen, „wäre es doch viel einfacher, wenn ich Albus vom Astronomieturm stoße…“, das ist ein Gedanke, der mir, je öfter ich ihn mir vor Augen halte, eigentlich immer besser gefällt…

Ende

Diese Geschichte ist bereits auf http://www.fancreations.de erschienen.

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